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Diskussion ums Umkehrauge

Folgender Brief hat mich vor ein paar Tagen via Email erreicht. Der Name des Autors ist mir bekannt.

Sehr geehrter Herr Stohp,

sie beschreiben auf ihrer Internetseite das Umkehrauge-Verfahren.

Ich habe dazu im Internet recherchiert und habe dazu ein paar Fragen.
Könnten Sie mir da weiterhelfen?

1) Zum einen wird gesagt, dass man mit dem Umkehrauge-Verfahren die Option
hat:

Ist ein Leitast zu steil, dann nehme ich das äußere Auge, mit dem Zweck,
dass durch die Gewichtskraft des Triebes aus dem darunter liegenden
inneren Auge, der äußere Trieb weiter absenkt wird. Ich brauche somit
kein Spreizholz oder Weiden.

Ist der Trieb aus dem äußeren Auge zu flach, dann nehme ich das
darunter liegende innere Auge als Leitastverlängerung.

Wieso kann ich denn nicht auf ein außen weisendes Auge schneiden und
wenn der Ast zu steil ist, dann den Ast des darunter liegenden inneren
Auges als Leitastfortsetzungen nehmen – gibt es einen Grund dafür, dass
die Reihenfolge umgekehrt ist?

2) Bzw. wenn ich in diesem Jahr schon sehe, dass der Leitast zu steil/zu
flach ist, wieso kann ich dann nicht gleich auf ein nach außen/ nach
innen weisendes Auge schneiden, die Augen auf der Gegenseite ausbrechen
und somit dem Bau eine zweite Wunde durch Abschneiden des
inneren/äußeren Triebes im Folgejahr ersparen.

3) Ich habe in einem Buch von Palmer gelesen, dass er das
Umkehrauge-Verfahren nicht nur für die Korrektur zu steil/zu flach der
Leitäste vorschlägt, sondern auch die Korrektur zu weit links/zu weit
rechts.

Wie er meint: Steht ein Ast zu weit nach links, dann schneidet man auf
ein nach links weisendes Auge. Im kommenden Jahr schneidet man den Trieb
aus dem nach links weisenden Auge + Aststummel weg und belässt den Trieb
des darunter liegenden rechts stehenden Auges als Leitastverlängerung…
mit zu weit rechts stehendem Leitast dann umgekehrt.

Das macht für mich keinen Sinn. Wieso sollte der Leitast dann mehr nach
links oder rechts wachsen? Mit dem Gewicht des zweiten Triebes, der den
Leitast in irgendeine seitliche Position drückt, kann man hier ja nicht
argumentieren, weil die Gewichtskraft der seitlichen Äste den Leitast
natürlich nur runterdrücken kann.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Äste immer dahin biegen wo
Sonne ist und sich nicht nach dem „seitlichen Umkehraugeverfahren“ richten.

Ich hoffe sie verzeihen mir meine „Detailfragen“.

Des Weiteren wollte ich Ihnen sagen, dass ich Ihre
Öschbergschnitt-Broschüre als sehr hilfreich empfand. Mir ist nur ein
Fehler bei Punkt Nr. 6 aufgefallen. Bei mir steht hier, dass der
Anschnitt auf einen nach außen weisenden Trieb immer sinnvoll ist. Sie
meinen wohl den nach innen weisenden Trieb.

Mit freundlichen Grüßen

Zu diesem Brief hat ein Kollege folgende Antwort formuliert

Hallo Rickmer,

auf diesem Wege vorab noch ein gutes neues Jahr und herzliche Grüße von Rudolf Thaler!

Ich glaube, unser Freund hat hier zwei Dinge vermischt und durcheinandergebracht:

Durch das Gewicht senkt sich der Trieb ab und es beginnt die natürliche Fruchtbogenverjüngung durch Steiltriebe am Scheitelpunkt im Folgejahr, mit denen dann die Fruchtholzrotation vorgenommen werden kann.

Mit dem Umkehrauge hat das Gewicht ja nichts zu tun., sondern mit dem generellen Triebwachstum steil zum Licht/Sonne. Durch das erst einmal paradox klingende Umkehraugeverfahren wird der eigentliche Trieb in die gewünschte Richtung gebracht durch die Beschattung des Triebs aus dem Gegenauge. Steht ein Trieb ideal, kann auf das Außenauge angeschnitten werden, da dann die Triebfortsetzung durch den Anschnitt an Dickenwachstum und somit an Statik zunimmt und weiter direkt zum Licht wächst. Das Umkehrauge sollte deshalb nur zum Umwandeln vom Holztrieb zu Fruchtholz (alternativ Abbinden mit Ausblenden des ersten Auges und der Augen oben am Scheitelpunkt) oder bei gewünschter flacherer Wuchsrichtung des Leitastes angewendet werden. Die Beschattung wirkt auch beim Lenken des Triebs von links nach rechts. Deshalb paradoxer Weise gegen die eigentlich gewünschte Triebrichtung anschneiden und im Folgejahr das Gegenauge entfernen. Elementar das parallele Ausblenden der Innenaugen und der seitlichen Augen.

Ich habe bisher den Fehler gemacht, dass ich immer auf das Gegenauge angeschnitten habe – erst beim Schnittkurs bei Helmut Ritter ist mir die Verwendung des Umkehrauges richtig klar geworden.

Hoffentlich konnte ich Dir hiermit bei der Argumentation weiterhelfen.

 

Dazu meine Antwort

Grüß Dich ,

danke für die Post und die guten Wünsche – dito zurück.

  • Das gewünschte Auge wird vom Gegenauge abgedrängt, nicht

wg. des Gewichtes, sondern wg. Licht und anderer Faktoren-

sind wir uns einig.

  • auf den Gegenaugenschnitt  kann verzichtet werden, wenn der

Trieb gut steht. Dann Anschnitt auf Außenauge wie bei H. Ritter

beim Pflanzschnitt vorgeführt- d´accord.

  • aber: Was meinst Du mit „Gegenaugenschnitt nur bei Umwandlung

von Holz – in Fruchttrieb „? – schon das Flacherstellen von Jahrestrieben, z.B. in der Mitte?

  • bei “ paralleles Ausblenden der Innen- und seitlichen Augen “ wenn ein Trieb links/rechts korrigiert werden soll – bei solch einer Korrektur handelt es sich ja in der Regel um die Leitastverlängerung, d.h., Du meinst die üblichen Verdächtigen unter den Knospen ?

Gruß

Rickmer

 

Antwort vom Kollegen

  Hallo Rickmer,

ja mit dem Umstellen von Holztrieben zu Fruchttrieben via Umkehrauge meinte ich das Unterordnen von Trieben am Mittelleitast und den Leitästen bzw. begleitenden Fruchtästen als Alternative zum Herunterbinden mittels Schnur oder Weide. Mit dem Augenausblenden meinte ich die „üblichen Verdächtigen“. Beim Anschneiden der Leitäste immer auf Gegenauge kommt man sehr schnell zum Ableiten der Leittriebe in eine zu flache Stellung. Bei Anwendung des Umkehrauges bei der Leitastverlängerung würde ich jetzt im Folgejahr immer auf ein äußeres Auge anschneiden. War mir vor dem Ritterkurs noch nicht so eindeutig klar.

Von links nach rechts kann man neben den Leitästen auch begleitende Fruchtäste durch das Schneiden auf ein Umkehrauge beeinflussen 🙂

Gruß

 

Meine Antworten an den Autor des Briefes; jeweils eingefügt in die Fragen
> Sehr geehrter Herr Stohp,
>
> sie beschreiben auf ihrer Internetseite das Umkehraug-Verfahren.
>
> Ich habe dazu im Internet recherchiert und habe dazu ein paar Fragen.
> Könnten Sie mir da weiterhelfen?
> 1) Zum Einen wird gesagt, dass man mit dem Umkehraug-Verfahren die Option
> hat:
>
> Ist ein Leitast zu steil, dann nehme ich das äußere Auge, mit dem Zweck,
> dass durch die Gewichtskraft des Triebes aus dem darunterliegenden
> inneren Auge, den äußeren Trieb weiter absenkt wird. Ich brauche somit
> kein Spreizholz oder Weiden.

Nicht die Gewichtskraft, sondern die Beschattung des oberen Triebes (Gegenauge) lenkt den gewünschten Trieb.>

Ist der Trieb aus dem äußeren Auge zu flach, dann nehme ich das darunterliegende innere Auge als Leitastverlängerung.

Das darüber liegende, eben das Gegenauge.

> Wieso kann ich denn nicht auf ein außen weisendes Auge schneiden und wenn der Ast zu steil ist, dann den Ast des darunterliegenden inneren Auges als Leitastfortsetzungen nehmen – gibt es einen Grund dafür, dass die Reihenfolge umgekehrt ist?

Sie können auf ein außen liegendes Auge schneiden, so der Leitast flach genug ist – Gegenauge immer dann, wenn der Ast zu steil ist.
>
> 2) Bzw. wenn ich in diesem Jahr schon sehe, dass der Leitast zu steil/zu
> flach ist, wieso kann ich dann nicht gleich auf ein nach außen/ nach
> innen weisendes Auge schneiden, die Augen auf der Gegenseite ausbrechen
> und somit dem Bau eine zweite Wunde durch Abschneiden des
> inneren/äußeren Triebes im Folgejahr ersparen.

Klingt gut, habe ich so noch nicht versucht, gehe aber davon aus, dass mein gewünschtes Auge als Fortsetzung nur mit dem Gegenauge die Stellung
bekommt, welche ich brauche. Bei zu flachem LA auf Außenauge ist in Ordnung
.
>
> 3) Ich habe in einem Buch von Palmer gelesen, dass er das
> Umkehrauge-Verfahren nicht nur für die Korrektur zu steil/zu flach der
> Leitäste vorschlägt, sondern auch die Korrektur zu weit links/zu weit
> rechts.
>
> Wie er meint: Steht ein Ast zu weit nach links, dann schneidet man auf
> ein nach links weisendes Auge. Im kommenden Jahr scheidet man den Trieb
> aus dem nach links weisenden Auge + Aststummel weg und belässt den Trieb
> des darunter liegenden rechts stehenden Auges als Leitastverlängerung…
> mit zu weit rechts stehend Leitast dann umgekehrt.
>
> Das macht für mich keinen Sinn. Wieso sollte der Leitast dann mehr nach
> links oder rechts wachsen? Mit dem Gewicht des zweiten Triebes, der den
> Leitast in irgendeine seitliche Position drückt kann man hier ja nicht
> argumentieren, weil die Gewichtskraft der seitlichen Äste den Leitast
> natürlich nur runterdrücken kann.

Siehe oben, hat nichts mit dem Gewicht zu tun. Das Gegenauge drängt das nächste weg – auch li/re.
>
> Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Äste immer dahin biegen wo
> Sonne ist und sich nicht nach dem „seitlichen Umkehraug-verfahren“
> richten.

Bei li/re Korrektur wird das Gegenauge stark zum Licht wachsen und drängt das nächste “ ins Abseits“.
>
> Ich hoffe sie verzeihen mir meine „Detailfragen“.
>
> Des Weiteren wollte ich Ihnen sagen, dass ich die ihre
> Öschbergschnitt-Broschüre als sehr hilfreich empfand. Mir ist nur ein
> Fehler bei Punkt Nr. 6 aufgefallen. Bei mir steht hier, dass der
> Anschnitt auf ein nach außen weisenden Trieb immer sinnvoll ist. Sie
> meinen wohl den nach innen weisenden Trieb.

Das ist ein Fehler – danke.
Alles klar

Guten Tag Herr Stohp,

vielen Dank für ihre Erläuterungen. Gerne können Sie die Fragen ohne Namen veröffentlichen. Werde Ihnen über meine weiteren Erfahrungen berichten.

Bei den ersten beiden Fragen hatte ich mich vertan. In beiden Fällen meinte ich das darüberliegende innere Auge.

Zusammengefasst: Ist der Leitast zu steil, dann schneide ich auf ein inneres Auge. Der Trieb aus dem inneren Auge beschattet dann den Trieb aus dem darunterliegenden äußeren Auge. Die Augen auf der Innenseite werden sonst alle ausgebrochen. Der beschattete Trieb wächst dann wg. weniger Sonne flacher. Im nächsten Jahr hat der innere Trieb dann seine Funktion erfüllt und ich schneide ihn ab.

Ist der Leitast zu flach kann ich 1) wieder wie oben, nur dass ich dann im Folgejahr den inneren Trieb stehen lasse.

Der Trieb aus dem äußeren Auge    hätte hier aber dann keine Funktion mehr für den über ihm wachsenden Trieb aus dem inneren Auge. Sollte man dann das äußere Auge nicht lieber ausbrechen?

Bei zu flachem Leitast kann ich auch 2) gleich auf ein äußeres Auge schneiden und alle Augen auf der Gegenseite ausbrechen. Damit würde ich dann keine zweite Wunde im nächsten Winter setzten müssen.

Links/rechts Korrektur dann analog zu oben.

Viele Grüße
Abschluss
Grüße Sie,
ja so ist es – nur ist die Variante mit dem “ ist der Leitast zu flach,
nehme ich den Austrieb aus dem inneren Auge “ missverständlich und ich werde
das auch nicht mehr propagieren, ausser in Ausnahmen.
In der Regel sehe ich beim jährlichen Anschnitt, ob der LA zu flach wird und
schneide dann auf ein äusseres Auge, die Wunde fällt weg und das
Dickenwachstum wird mehr angeregt als beim Umkehrauge – korrigieren lässt es
sich beim nächsten Schnitt immer. Ansonsten wie beschrieben.

Viel Erfolg

Gruß
Rickmer Stohp

 

Tags: Allgemein

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